DIAGNOSTIK
Cholesterinwerte verstehen: Feindbild oder Lebenselixier?
Ist Cholesterin wirklich so schädlich, wie sein Ruf vermuten lässt – oder hält sich hier bloß ein hartnäckiger Cholesterin-Mythos? Wer die Zusammenhänge versteht, blickt auch klarer auf die eigene Gefäßgesundheit.
Cholesterin ist eine lebenswichtige fettähnliche Substanz. »Es ist essenzieller Bestandteil all unserer Zellmembranen und Zellwände und damit für die richtige Festigkeit sämtlicher Körperzellen mitverantwortlich«, beginnt Peter Gartner eine Aufzählung, die überrascht. Der Chefarzt im Park Igls Medical Spa Resort ist jedoch noch nicht am Ende: »Das Cholesterin ist außerdem unerlässlich bei der Herstellung von Hormonen oder Vitamin D. Es ist ganz wichtig für die Knochendichte, für ein gut funktionierendes Immunsystem, für ein gut funktionierendes Gehirn. Und es ist essenziell bei der Herstellung von Gallensäuren, die bei der Fettverdauung unverzichtbar sind.« Kurzum: Cholesterin ist eigentlich super und ein wichtiger Baustein unserer Gefäßgesundheit. Und weil es so elementar ist, wird der größte Teil davon gar nicht über die Nahrung aufgenommen, die Leber produziert 80 bis 90 Prozent des benötigten Bedarfs einfach selbst. Warum also wurde das Lebenselixier zum Feindbild?
»Cholesterin ist essenziell. Ein massiver Mangel würde uns infektanfällig, unfruchtbar und im schlimmsten Fall dement machen.«
Cholesterinwerte im Faktencheck
In den 1950er-Jahren entdeckte man, dass die gefürchteten Gefäßablagerungen, die sogenannten Plaques, zu großen Teilen aus Cholesterin bestehen und damit direkten Einfluss auf die Gefäßgesundheit nehmen. Sie sind ein bedeutender Risikofaktor für Arteriosklerose, die in weiterer Folge Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigen kann. Die Medizin unterschied fortan strikt zwischen dem »bösen« LDL-Cholesterin (»Lass das lieber«), das Fett in die Peripherie transportiert, und dem »guten« HDL-Cholesterin (»Hab dich lieb«), das es abtransportiert. Die fast logische Konsequenz war, dass die LDL-Grenzwerte laufend nach unten korrigiert wurden, schließlich galt lange: Ist der Cholesterinwert zu hoch, steigt automatisch das Risiko.
Doch trotz des massiven Einsatzes von cholesterinsenkenden Medikamenten war das Problem nicht gelöst; viele Patientinnen und Patienten erlitten trotz extrem niedriger LDL-Werte Herzinfarkte oder benötigten Bypässe. Umgekehrt gab es Menschen mit beinahe astronomisch hohen Cholesterinwerten, deren Gefäße dennoch vollkommen elastisch und sauber waren – ein Paradebeispiel für gesunde Gefäße trotz hoher Werte. Die Entstehung von Gefäßerkrankungen ist also deutlich komplexer. Die medizinische Forschung hat inzwischen den fehlenden Puzzlestein entdeckt, und der hört auf den etwas sperrigen Namen Trimethylamin-N-Oxid, kurz TMAO.
Der TMAO-Wert erklärt
TMAO ist ein körpereigener Botenstoff, der wie biologischer Superkleber wirkt: Er sorgt dafür, dass das im Blut zirkulierende Cholesterin regelrecht an die Gefäßinnenwände gekleistert wird. Ist der TMAO-Wert hoch, wird Cholesterin aggressiv in die Plaques eingebaut, und zwar völlig unabhängig davon, ob im Blut insgesamt viel oder wenig davon vorhanden ist. Dieses Wissen ist ein guter Anlass dafür, die Cholesteringeschichte neu zu schreiben, denn einfach den Cholesterinspiegel weiter nach unten zu drücken, ist wenig zielführend.
»Stellen Sie sich vor, in den Sommermonaten ertrinken immer mehr Kleinkinder in öffentlichen Schwimmbädern und die Lösung der Behörde ist, im kommenden Jahr einfach den Wasserspiegel zu senken. Das Baden macht dann weniger Freude, die Kinder ertrinken trotzdem. Also wird noch weniger Wasser ins Becken gefüllt. Doch es ist nicht das Wasser, das schädlich ist, sondern die Unfähigkeit zu schwimmen«, hat Peter Gartner eine bildhafte Beschreibung.
Um das TMAO in den Griff zu bekommen, braucht es einen Blick darauf, wie es überhaupt entsteht. Gebildet wird der Stoff in der Leber, wenn bestimmte Darmbakterien im Übermaß mit Cholin, L-Carnitin oder Lecithin gefüttert werden. Diese Substanzen kommen vor allem in Lebensmitteln wie rotem Fleisch, Eiern oder Milchprodukten vor. Die gute Nachricht ist: Dieser Prozess ist reversibel und die Natur bei den Gegenspielern besonders elegant. Dimethylbutanol (DMB) ist ein solcher, und der wiederum findet sich reichlich etwa in der mediterranen Küche – in nativem Olivenöl zum Beispiel, hochwertigem Aceto balsamico oder grünem Gemüse. Diese Küche wird seit vielen Jahren mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht, und nun versteht man auch wissenschaftlich, warum sie die Gefäßgesundheit auf natürliche Weise unterstützt.
Mediterrane Küche für gesunde Gefäße
Als F.X.-Mayr-Arzt weiß Peter Gartner diese Möglichkeit besonders zu schätzen: »Endlich wissen wir, warum die vielbesungene mediterrane Diät so gut gegen Arteriosklerose und damit gegen Herzinfarkt und Schlaganfall wirkt. Und ich glaube, einen knackigen Salat mit edlem Aceto balsamico, frischem Gemüse, goldenem Olivenöl und vielleicht einem Glas Rotwein dazu hätte der gute Franz Xaver Mayr auch nicht verschmäht.«
Wie Peter Gartner in der Praxis mit seinem Wissen um den TMAO-Wert umgeht? »Ich nehme mir die Freiheit, im Fall von völlig klaren, sauberen Gefäßen ohne nennenswerte Ablagerungen kein cholesterinsenkendes Medikament zu verschreiben und stattdessen mit speziellen diätetischen Maßnahmen beratend zur Seite zu stehen.« Auch Bewegung helfe, ergänzt Gartner.
Gesundheit lässt sich selten auf einen einzelnen Laborwert reduzieren. Cholesterin bleibt ein wichtiger Bestandteil der Risikoeinschätzung, ist jedoch selten der alleinige Übeltäter. Die wirklich spannende Frage ist also weniger, wie hoch der Cholesterinwert ist, sondern was der Körper daraus macht – und wie sich daraus langfristig echte Gefäßgesundheit entwickeln lässt.